Dividendenkürzung im Depot – Wie ich vorgeheDas Jahr 2020 war außerordentlich in vielerlei Hinsicht. Mit einer Dividendenkürzung dürften deutlich mehr Anleger in Berührung gekommen sein, als in den vergangenen Jahren. Allein die zahlreichen Anteilseigner von Royal Dutch Shell durften nach über 7 Jahrzehnten miterleben, wie die Shell Dividende je Quartal stark reduzierte. Unterscheiden müssen wir zudem zwischen einer Dividendenkürzung und einer Dividendenstreichung. An beidem erfreut sich kein Aktionär und dennoch muss man ruhig bleiben und seine Optionen abwägen. Meist bieten solche Gelegenheiten auch Chancen.

Auch mein Depot wurde im Krisenjahr 2020 nicht verschont. Einige meiner Dividendenaktien reduzierten ihre Dividende, teilweise auch massiv und überraschend und andere haben die Dividende Hals über Kopf komplett gestrichen. Im heutigen Artikel gebe ich dir einen Einblick in meine Dividendensituation und erkläre dir auch, warum ich grundsätzlich Ruhe bewahre, positiv in die Zukunft blicke und wie ich individuell mit einer Dividendenkürzung umgehe.

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Dividendenkürzung nur in Europa ein Problem?

Dividende ist der neue Zins hieß es lange Zeit in den Medien und dieser Spruch wurde nun im Jahr 2020 abgelöst durch das Wort Dividendenkürzung bzw. Dividendenstreichung. Es scheint fast so, als wenn es keine anderen Themen mehr am Kapitalmarkt geben würde. Bereits mehr als 140 Unternehmen aus dem STOXX 600 haben mitten in der Krise eine entsprechende Dividendenkürzung bekanntgegeben. Der STOXX 600 vereint dabei die 600 größten Unternehmen in Europa gemessen an ihrer Marktkapitalisierung. Ist es wirklich so schlecht um Europa bestellt?

Zum gleichen Zeitpunkt haben nur 15 Unternehmen im S&P 500 aus den USA eine Dividendenkürzung bekanntgegeben. Das sind 3% der Unternehmen im S&P500 und knapp 24% im STOXX 600. Interessant zu sehen, dass offenbar europäische Unternehmen deutlich größere Probleme haben, wie ihre amerikanischen Kollegen.

Mit ein Grund dafür kann sein, dass die Aktienkultur in Amerika eine völlig andere ist. Über 50% der US-Bürger sind Investoren und besitzen Aktien in Form von Einzelwerten oder sind über ETFs beteiligt. Aktien gehören seit vielen Jahren zur Altersvorsorge und wird vom Staat sogar ordentlich gefördert. Auch die Unternehmen tun viel für diese Kultur und zahlen oftmals seit Jahrzehnten konstant und stetig steigend ihre Dividenden. Es gibt daher auch eine riesige Anzahl an Unternehmen die zu den Dividenden-Aristokraten zählen.

In Deutschland kennen wir die Situation ja selbst alle nur zu gut. Kaum 10% der Bürger sind nur Anleger haben etwas mit dem Kapitalmarkt und Börse zu tun. Es gibt fast 3x mehr Immobilienbesitzer als Aktionäre. Eine Übergewichtung von Dividenden-Aristokraten aus Amerika, kann schon ein erster Tipp fürs eigene Depot sein um das Risiko einer Dividendenkürzung stärker zu minimieren. Aber machen wir weiter. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten.

Kostenreduzierung bringt Liquidität

Die mit der Corona-Krise einhergehenden Maßnahmen, brachten für alle Menschen und auch Unternehmen umfangreiche Einschränkungen. Dies führte zu nachvollziehbaren Konsequenzen in allen Wirtschaftsteilen. Speziell durch die Lockdowns und dem herunterfahren der Wirtschaft, waren die Auswirkungen immens. Für Deutschland wird der wirtschaftliche Schaden im hohen dreistelligen Milliarden Bereich geschätzt. Stark getroffen werden in der Regel vor allem Unternehmen. Allerdings unterschiedlich stark, je nachdem in welcher Branche sie tätig sind.

Die Krise hat gezeigt aber auch gezeigt, dass an der Börse gerade Lebensmittelproduzenten, digitale agierende Unternehmen und gewisse Pharmakonzerne zu den Gewinnern zählten. Unternehmen aus dem Touristik-Bereich und der Öl-Industrie waren die absoluten Verlierer. Wenn niemand mehr reist, stehen Hotels leer und Flugzeuge bleiben am Boden. Steht die Welt still, bricht auch die Öl-Nachfrage zusammen.

Wenn die Umsätze wegbrechen, wird es zwangsläufig auch geringere oder keine Gewinne mehr geben. Dennoch müssen die Verbindlichkeiten weiter bedient und Schulden zurückgezahlt werden. Kein Wunder also, das Unternehmen in solchen Situationen schnell und massiv ihre Kosten reduzieren müssen. Es wird alles auf den Prüfstand gestellt, was schnell liquidiert werden kann und Cash bringt. Ganz oben bei problembehafteten Unternehmen stehen dann natürlich auch die Dividenden.

Dividendenkürzung und Dividendenstreichung

Die Dividende an sich ist ja eine Gewinnbeteiligung. Erzielt ein Unternehmen einen Gewinn und benötigt diesen nicht zu 100% für andere Verpflichtungen wie Rücklagen, Forschung oder Schuldenrückzahlungen, dann können und sollten Aktionäre mit einer Ausschüttung am Gewinn beteiligt werden. Über das richtige Verhältnis lässt sich gewiss streiten.

Dividendenerträge sind für Aktionäre nichts anderes als zusätzliches Einkommen aus Kapitalanlagen – passives Einkommen sozusagen. Und wie jeder weiß, liegt genau darin mein Fokus: Ich möchte ein berechenbares und stetig wachsendes Dividendeneinkommen erzielen.

Und auch meine Leser und Mitglieder möchten nichts weiter, als verlässliche Dividendenzahler im Depot haben. Im Dividenden-Alarm überwachen wir daher fast 400 Dividendenaktien. Im Laufe des Jahres schrumpfte die Liste aufgrund Dividendenstreichungen auf knapp unter 350 Werte. Mittlerweile kommen wieder einige Werte zurück auf die Liste, da sie in Zukunft wieder Dividenden ausschütten möchten. In der Corona-Krise ging es bei vielen Unternehmen um alles oder nichts. Cash war King und somit musste für Liquidität gesorgt werden. So wird Geld im Unternehmen belassen und nicht an die Aktionäre ausgeschüttet. Wer zudem auf staatliche Unterstützung angewiesen war, der kann im Umkehrschluss diese Mittel als „Gewinnausschüttung“ an die Aktionäre weitergeben. Eine Dividendenstreichung sollte daher immer auch als Warnung zu verstehen sein.

Dividendenkürzungen gab es auch nicht wenige. Fast 60 Werte die der Dividenden-Alarm überwacht, haben innerhalb der letzten 12 Monate ihre Dividende gekürzt. Für Aktionäre ist dies schon eher zu verkraften, wenn es immer auch davon abhängt, warum ein Unternehmen diesen Schritt geht. Oftmals bringt es dem Unternehmen Erleichterungen bei der Finanzierung und nimmt den Druck, dass zu viel Geld das Unternehmen verlässt, was aktuell besser im Unternehmen aufgehoben wäre.

Weniger Dividende ist ärgerlich, aber im Fokus steht das Unternehmen

Streicht oder kürzt ein Unternehmen seine Dividende, dann ist das immer auch ärgerlich für uns Aktionäre. Wir müssen auf bisher eingeplante Zahlungen verzichten und die Ausschüttungsrendite unseres Portfolios reduziert sich. Nachdem der erste Ärger überwunden wurde, gilt es die Gründe dafür herauszufinden. Unternehmen machen dies meist nicht, um uns zu ärgern, sondern um sich selbst zu stärken. Und damit tun sie uns Aktionären schlussendlich auch etwas Gutes, was wir aber meist erst später erkennen.

So ist es nie pauschal zu beantworten, ob eine Kürzung oder Streichung der Dividende von Vorteil ist. Es muss immer die individuelle Situation des jeweiligen Unternehmens oder der Branche begutachtet werden. Welche möglichen Szenarien es hierbei geben kann, möchte ich im weiteren Verlauf gern anhand von Beispielen besprechen.

Dividendenentwicklung in meinem Depot

Zuvor möchte ich noch einen Blick auf mein Depot werfen. Die Dividenden-Alarm Mitglieder können es inklusive meiner getätigten Transaktionen auf der Seite Mein Depot einsehen.

In meinem Depot befanden sich vor der Krise 67 Dividendenaktien. Davon haben 9 Unternehmen die Dividende gestrichen und weitere 6 Unternehmen haben ihre bestehenden Dividendenzahlungen fortgeführt, aber die Dividende an sich reduziert. Mittlerweile sind einige Monate vergangen und einige Unternehmen konnten die Lage besser einschätzen. So haben 4 der 9 Unternehmen bereits angekündigt die Dividendenzahlung wiedereinzusetzen. Im weiteren Verlauf der kommenden Monate rechne ich mit weiteren Rückkehrern und einer Normalisierung.

Durch das Aufstocken bestehender Depotpositionen sowie durch den Kauf neuer Werte, rechne ich bis zum Ende des Jahres 2021 mit einem ausgeglichenen Dividendenergebnis, was dem Niveau vor der Krise entspricht. Als Maßstab nehme ich hier die absoluten Dividenden Eingänge, sowie die netto Dividendenrendite meines Gesamtdepots. Unterm Strich kann ich mit der Ertrags-Entwicklung während der Krise, trotz der Dividendendelle, sehr zufrieden sein.

Weitere Veränderungen in meinem Depot

Arg gebeutelt wurde mein Depot wie bereits erwähnt durch die Touristik- und Öl-Werte. Daher habe ich mich noch während der Krise von meinen Touristikaktien getrennt. Die Ungewissheit, wann die Branche wieder voll geschäftsfähig arbeiten kann und welche Konzerne diese Zeit überleben werden, war mir zu hoch. Bis heute ist das Thema nicht final geklärt und die Unternehmen können sich nur retten, indem sie weitere Schulden aufnehmen und versuchen durchzuhalten. Ein stetiges Verschulden und hoffen auf bessere Zeiten birg ein sehr großes Risiko. Am Ende werden viele Unternehmen den Kampf nicht überleben. Das Beispiel Lufthansa zeigt zudem sehr gut, dass staatliche Unterstützung im Sinne einer Teil-Verstaatlichung aus Sicht der Alt-Aktionäre ein Desaster bedeutet.

Der Nachfrageeinbruch beim Öl hat mein Depot auch hart getroffen. Hier betrachte ich die Situation etwas anders, daher habe ich auch keine Werte aus dieser Branche verkauft und mittlerweile sogar einzelne Positionen aufgestockt. Die Dividendenkürzungen helfen den Unternehmen sich besser zu finanzieren und ihre Investitionen in erneuerbare Energien umzulenken. Sie erzielen zudem weiter einen gewissen Cashflow und der Geschäftsbetrieb ist nicht komplett zum Erliegen gekommen. Mit Rückkehr zur Normalität in unserem Alltag, werden die Öl-Konzerne schnell wieder ihre Cashflows erhöhen können. Hier heißt es durchhalten und die Krise als Chance zur Positionierung sehen.

Zugekauft habe ich in erster Linie Werte aus den Bereichen Pharma, Lebensmittel, IT und Telekommunikation sowie erwähnt auch ein paar Öl-Werte. Viele meiner gekauften Unternehmen haben bereits solide Quartalszahlen abgeliefert und haben gezeigt, dass sie gut durch die Krise kommen. Sie werden ihr Potential spätestens dann entfalten, wenn wir dank eines Impfstoffs, wieder zurück zur Normalität kommen werden.

Was tun bei einer Dividendenkürzung oder Dividendenstreichung?

Zuerst sollte man seine eigentliche Anlagestrategie und Ziele klar definieren. Wer ausschließlich als Einkommensinvestor unterwegs ist und den maximalen Ertrag aus seinem Portfolio rausquetschen will, der wird zwangsläufig zur Entscheidung kommen, sich von Aktien mit einer Dividendenstreichung zu trennen. Je nachdem wie hoch eine Dividendenkürzung ausfällt, muss wahrscheinlich auch hier die Reißleine gezogen werden. Denn das noch vorhandene Kapital der jeweiligen Aktienpositionen, kann und sollte dann in andere Werte investiert werden, damit wieder ein adäquater Dividendenertrag generiert wird.

Ich verfolge grundsätzlich schon die Dividendenstrategie, bin aber nicht auf Teufel komm raus einzig auf den Dividendenertrag fixiert. Für mich muss das Gesamt-Setup passen – bestehend aus Ertrag und Kurs Potential. Dies bedeutet, dass ich nicht direkt bei einem Dividendenverlust meine Aktien verkaufe. Vielmehr nutze ich die Situation und versuche mich mit dem Unternehmen und seiner Situation auseinanderzusetzen. Ich möchte herausfinden was die Kürzung dem Unternehmen bringt und welche Möglichkeiten und Chancen sich bieten, sagen wir mit Blick auf die kommenden 12 Monate. Kann das Unternehmen mit der Maßnahme gestärkt aus der Krise hervorgehen, dann habe ich langfristig gesehen viel mehr davon und kann ein Jahr auf die Dividende oder Teile davon verzichten.

Cashflow, Verschuldung und Geschäftsmodell

Auch ich war in der letzten Krise nicht ohne Fehler. Einige meiner Depotwerte überzeugten nicht mit Qualität. Daher hat mir die Entwicklung der letzten Monate auch gezeigt, wie sich Unternehmen vorab gut aufstellen können, um in einer Krise nicht handlungsunfähig zu werden.

Um schnell ein Gefühl dafür zu bekommen, ob ein Unternehmen stark genug ist um durch eine Krise zu kommen, sollte man sich die drei wichtigen Punkte Cashflow, Verschuldung und Geschäftsmodell näher anschauen. Es gibt sicherlich noch viele weitere Kennzahlen zu begutachten, aber diese drei Punkte zeigen einem Investor sehr schnell, was in einer Krise zu erwarten ist.

Der Cashflow ist wichtig, damit dem Unternehmen kontinuierlich Erträge zur Verfügung stehen mit denen gearbeitet werden kann. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass Liquidität mit das wichtigste Gut bei Unternehmen ist. Wer keinen hohen Cashflow generieren kann, wird frühzeitig an die Reserven gehen müssen. In diesem Zusammenhang ist die Verschuldung sehr wichtig. Drücken die Schulden heute schon auf die Bilanz? Wie viele Jahre braucht das Unternehmen um diese komplett zurückzuzahlen? Wie sieht das erst in einer Krise aus, wenn zusätzliche und massive Kredite aufgenommen werden müssen, während die Gewinne wegbrechen? Überschuldete Unternehmen werden nicht lange überleben oder zumindest sehr lange brauchen um wieder auf alte Pfade zu kommen. Schneller geht das dann natürlich, wenn auf eine Dividendenzahlung verzichtet wird.

Der dritte Punkt zielt auf die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells ab. Unternehmen, die bereits existentielle Probleme haben sich neu zu erfinden, werden erst Recht in einer Krise nicht auf die Beine kommen. Ein hohes Maß an Flexibilität bei Produkten, Abläufen und der allgemeinen Geschäftstätigkeit kann sehr hilfreich sein.

Auffälligkeiten bei den bekannten Dividendenkürzungen

Während der Krise gab es genügend Beispiele für Kürzungen und Streichungen. Mit das bekannteste lieferte der Öl Konzern Royal Dutch Shell. Nach über 7 Jahrzehnten wurde die Dividende stark gekürzt, womit viele Investoren nicht gerechnet hatten. Mich eingeschlossen. Aber es macht Sinn. Ein schwankender Öl-Preis und die Krisen der letzten Jahre und Jahrzehnte machten der Royal Dutch Shell Aktie keine Probleme in Bezug auf die Dividendenzahlung. Erst die weltweiten Lockdowns und damit dem Einbruch der Öl-Nachfrage brachte den Cashflow und damit die Dividende zum Kippen. Royal Dutch Shell sparte sich damit gut 2,4 Mrd. US-Dollar pro Quartal, die nicht an die Aktonäre ausgeschüttet werden mussten. Die Liquidität konnte im Unternehmen verbleiben und brachte deutlich mehr finanziellen Spielraum.

TUI und Lufthansa ereilte das gleiche Schicksal, wobei beide Unternehmen zuvor schon nicht zu den qualitativen Dividendenzahlern zählten. Hier musste die Dividende sogar komplett gestrichen werden. Wenn das eigene Geschäftsmodell faktisch per Gesetz zum Erliegen kommt, dann müssen die Ausgaben massiv reduziert werden um so lange wie möglich am Leben bleiben zu können. Zudem kann es keine Dividendenzahlung geben, wenn man auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Die Lufthansa wurde praktisch staatlich aufgefangen, zum Leid der Altaktionäre. Aber auch TUI bläht sich mit immer mehr Milliarden an neuen Schulden auf, sodass man sich fragen muss, wie sollen diese wann wieder zurückgezahlt werden? TUI erzielte schon vor der Krise nur maue Margen, daher kann man hier von einem Fass ohne Boden ausgehen. Die Entwicklung hin bis zu einer normalen Erholung wird nicht nur ewig dauern, sondern muss heute in Frage gestellt werden.

Liquidität & Qualität

Wer Cash hat kann jede Krise durchstehen. Und in der Krise zeigen sich dann Stärke und Schwäche. Gerade wenn es sich um Wettbewerber innerhalb einer Branche handelt, verwundert einen die Vorgehensweise mancher Konkurrenten umso mehr. So zählen Adidas und Nike zu den Big Playern ihrer Branche. Man könnte meinen, beide hatten mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Durch die Lockdowns wurden die Filialen geschlossen und man musste sich auf den Online-Handel verlassen. Bereits produzierte Ware konnte nicht verkauft werden. Hierzu zählen meist saisonale Kollektionen und massive Produktionen die für Großveranstaltungen produziert wurden. Wer soll nun die ganzen Produkte der Europameisterschaft 2020 kaufen, wenn die EM ins Jahr 2021 verlegt wurde?

Adidas zeigt in der Krise sein wahres Gesicht. Die Mietzahlungen der Filialen wurden ausgesetzt, was einen großen Shitstorm auslöste. Dazu wurde auch die Dividende gestrichen. Nike dagegen hatte offenbar keine Probleme durch die Krise zukommen. Es gab keine nennenswerten schlechten Nachrichten, die Quartalszahlen waren solide und die Dividende (gut 305 Mio. US-Dollar pro Quartal) wurde jedes Quartal normal weitergezahlt. Mehr noch, Mitte November wurde die 19. Dividendenanhebung in Folge kommuniziert. Verrückt oder?

Aber auch bei anderen Branchen-Kollegen gibt es sehr unterschiedliche Ergebnisse. Vapiano erklärte die Gründe für die eigene Insolvenz mit der Corona-Krise, dabei hatte das Unternehmen bereits vorher schon stark mit dem Überleben zu kämpfen. Während der Krise zeigten sich andere Wettbewerber von ihrer qualitativen Seite. McDonalds oder auch Starbucks hatten deutlich weniger Probleme ihre Filialen offen zu halten. Drive-In, Take away und Lieferdienst sei Dank. Mit vielen zehntausenden Filialen ist es auch einfacher umzugehen, wenn in bestimmten Ländern Filialen schließen müssen, während in anderen Ländern die ersten Lockerungen wieder zu Filialöffnungen führen. Hohe Flexibilität und Schnelligkeit beim Umsetzen von neuen Gesetzen, bringen hier deutliche Vorteile.

Vor der Krise – nach der Krise

Ich möchte gern noch weitere Beispiele für eine Dividendenkürzung bzw. -streichung nennen. Klar, im ersten Moment ist es ärgerlich, wenn Freenet seine sehr hohe Dividende streicht, obwohl das Unternehmen gar nicht von der Corona-Krise betroffen war. Die Verkündung der Streichung erfolgt zusammen mit den durchaus soliden Quartalszahlen. Der Grund, Freenet plante seine Schulden bei den Banken zu verlängern und wollte einen besseren Verhandlungsspielraum haben. Interessante Begründung.

Nachdem einige Monate vergangen sind, konnte Freenet erneut berichten. Das Beste gleich zu Beginn: Die schweizer Sunrise Beteiligung konnte offenbar zu einem sehr guten Preis verkauft werden. Dies spült viel Cash in die Unternehmenskasse. Freenet konnte damit einen Großteil der Schulden tilgen und den Rest günstig bei den Banken verlängern. Mehr noch. Freenet sagte zu, die Dividendenzahlung wieder aufzunehmen, womit die Dividende nach ersten Berechnungen ungefähr auf dem letzten Niveau liegen dürfte. Dazu kauft Freenet eigene Aktien im Wert von 100 Millionen Euro zurück, was schlussendlich auch den Aktionären zugutekommt. Im Raum steht nun noch eine Sonderdividende, da zum einen das Kapital vorhanden wäre und zum anderen dies ein starken Zeichen an die Aktionäre wäre, die ja auf ihre Dividendenzahlung verzichten mussten. Alles in allem steht Freenet heute weit besser da als noch vor einem Jahr. Die Dividendenaussetzung hat den Aktionären also durchaus nicht geschadet, wenn auch der Ertrag in diesem Jahr fehlte.

Die Briten und ihre Dividenden

Nicht wenige britische Unternehmen sind in diesem Jahr durch Dividendenausfälle aufgefallen. Allen voran die HSBC und auch britische Versicherer wie zum Beispiel die Direct Line Group. Von alleine wären die beiden Unternehmen gar nicht auf eine Streichung gekommen. Denn die jeweiligen britischen Verbände (Bank und Versicherung) haben ihren Mitgliedern „empfohlen“ die Dividende bis auf weiteres auszusetzen. Das Risiko von Kreditausfällen im Mrd. Bereich, wurde offenbar als sehr hoch eingeschätzt. So hat zum Beispiel die HSBC klar zu verstehen gegeben, dass dies nicht in ihrem Interesse ist und dennoch dem Willen des Verbands stattgegeben. Vor einigen Wochen dann, informierte die HSBC bereits, dass sie wieder zurück zu einer moderaten Dividendenzahlung kommen will. Details dazu wird es mit den Jahreszahlen im Februar geben.

Und auch die Direct Line hat gemerkt, dass sie gar nicht zu den Verlierern der Krise gehört. Im Gegenteil Sachversicherer gehören zu den Gewinnern der Krise, denn wenn niemand aufgrund von Lockdowns das Haus verlässt, treten überraschender Weise deutlich weniger Schadenfälle auf. Mit dieser Erkenntnis wurde die Dividendenzahlung bereits wieder eingesetzt und die ausgefallenen Dividenden werden als Sonderdividende nachgezahlt.

Auch bei diesen beiden Szenarien war der Dividendenausfall erst einmal ärgerlich. Aber, schlussendlich ist den Unternehmen kein Schaden entstanden. Vielmehr konnten sie ein besseres Bild auf die Krise werfen, mit den eingesparten Dividenden erstmal eine gewisse Liquidität sichern und mit der Erkenntnis, dass es ihnen gut geht, die Dividende wieder einsetzen.

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Während in normalen Zeiten die Dividenden sprudeln und man sich weniger Gedanken um Kennzahlen macht, zeigt sich erst in Krisen, wer seine Hausaufgaben gemacht hat. Es ist daher wichtig, gerade vor dem Kauf einer Aktie, sich sehr genau mit dem Unternehmen zu beschäftigen. Ich selbst habe mir dazu ein umfangreiches Handout erstellt und prüfe jede Aktie auf Herz und Nieren. Genauer beschrieben habe ich meine Vorgehensweise in diesem Artikel.

Die 3 Schritte meiner Aktienanalyse – Wie ich unterbewertete Aktien finde

Ziel ist es nicht, dass alle Kriterien und Kennzahlen zu 100% passen. Das würde nicht funktionieren, da eine Aktie dann sicherlich kein Kaufsignal generieren würde. Wichtiger ist es, sich ein umfassendes Bild zu schaffen und genau zu wissen, wo die Probleme bei einem Unternehmen liegen. Erst wenn man die kennt und identifiziert hat, kann man diese bewerten und einschätzen. So kann es sein, dass die Verschuldung im Vergleich zur Branche höher ist oder die Payout Ratio am obersten Ende liegt.

Mit dem Wissen allein, kann man sich immer noch dafür oder dagegen entscheiden. Man erlebt aber später keine bösen Überraschungen von Dingen die man vorher nicht wusste. Es geht immer ums Abwägen und die Risikoeinschätzung. Die wichtigste Frage sollte sein: Wie gut würde ein Unternehmen durch eine Krise kommen? Hierfür kann ein Blick in die Vergangenheit hilfreich sein. Wie wurden frühere Krisen bewältigt?

Für mich sind weiterhin Unternehmen interessant, die ein weniger krisenanfälliges Geschäftsmodell betreiben, eine langjährige Dividendenhistorie aufweisen und gleichzeitig nicht über eine zu hohe Payout Ratio verfügen. Was uns hilft ist eine planbare und kontinuierliche Dividendenzahlung, auch in Krisen. Auch die Verschuldung sollte in wenigen Jahren abzuführen sein. Ein Gewinnabfall in schlechten Zeiten führt somit nicht sofort zu einer Dividendenkürzung. Einen Kurs Abfall kann man so aussitzen und bei einem Kaufsignal durchaus auch als Nachkauf-Option nutzen.

Vorgehensweise für die Zukunft finden

Jede Krise ist dramatisch, keine Frage. Aber man sollte immer auch den Fokus auf die Chancen richten. So nutze ich jede Krise dazu, um negative Auffälligkeiten in meinem Portfolio zu korrigieren. Branchen und Themen die sich stark zeigten und bei mir unterrepräsentiert waren, stocke ich dann gern auf. Branchen die einen Totalausfall hatten, werden reduziert.

Unternehmen die unverschuldet vom Markt mitgerissen werden, obwohl sie sehr gute Arbeit leisten und dies in ihren Quartalszahlen unter Beweis stellen, werden von mir sukzessive aufgestockt. Ich kann praktisch Qualitätsaktien zu deutlich günstigen Kursen kaufen. Der Mehrwert wird sich daher erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen. Und als langfristig ausgerichteter Investor habe ich ja Zeit. Das Chance-Risiko-Verhältnis ist praktisch auf meiner Seite. Das Risiko des weiteren Preisverfalls ist deutlich geringer, als die Chance auf hohe Kurssteigerungen und die solide Weiterzahlung einer aktuell überdurchschnittlich hohen Dividende. Nur allein die Fokussierung auf eine hohe Dividendenrendite, macht eben wenig Sinn.

Es gibt eine Welt nach der Krise

Eine langfristig ausgerichtete Anlagestrategie heißt auch einen langen Atem zu haben. Auch die Erkenntnis der Vergangenheit, dass wir heute jede frühere Krise überwunden haben, hilft mir positiv in die Zukunft zu blicken. Ich weiß einfach, dass die heutigen Dividendenausfälle und Kursstürze nur eine Momentaufnahme innerhalb meines langen Anlegerlebens sind. Es wird sicherlich eine gewisse Weile dauern, aber in jedem Fall wird mein Depot neue Höhen erschließen. Ich werde wieder neue Allzeithochs erreichen und auch mein Dividendeneinkommen wird sich langfristig immer weiter erhöhen.

Die Basis, dass diese Ziele schneller erreicht werden, lege ich heute – während einer Krise. Heute wird mein Depot neu ausgerichtet und aufgestockt. Die Ernte fahre ich in den kommenden Monaten und Jahren ein.